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MAIN-ECHO: Turandot - Liebe macht blöd
Theatergruppe der Knaben-Realschule nimmt sich Puccinis letztes Meisterwerk vor
Aschaffenburg. Eine Oper als Schauspiel? Für die Theatergruppe der staatlichen Realschule für Knaben in Aschaffenburg ist das nichts Neues. Nach Mozarts »Zauberflöte« und Wagners »Ring des Nibelungen« nimmt sie sich diesmal die Oper eines italienischen
Komponisten vor: »Turandot«. Herausgekommen ist - nach eigenem Bekunden - »eine ziemlich alberne Version von Giacomo Puccinis letztem Meisterwerk«. Wohl auch deshalb, weil die Schüler-Theatergruppe unter Regie von Siegfried Staab der Handlung einen neuen Ausgang gibt.
Schließlich sei Puccini selbst mit dem »unausgegorenen Schluss nicht ganz klar« gekommen: Er starb, bevor der die Oper fertig stellen konnte. Dem Blick auf die Originalhandlung entspringt auch der Titel, den die Theatergruppe ihrem Stück gab: »Turandot - oder: Liebe macht blöd«.
Zunächst läuft alles nach Plan. Ein Mandarin verkündet: »Höre, o Volk von Peking! Turandot ehelicht den Mann von königlichem Blute, der drei Rätsel löst!« Wieder hat ein Bewerber daneben geraten und muss durch die Hand des Henkers sterben. In die Szene tritt ein unbekannter Prinz, dessen Vater und die junge Sklavin Liu, die den Prinzen liebt. Der unbekannte Prinz erblickt Turandot und ist sofort hingerissen. Zur Überraschung aller besteht er die Rätselprobe - nur Turandot ist nicht begeistert. Der Prinz stellt nun seinerseits ein Rätsel: Sollte die Prinzessin seinen Namen erraten, ehe der Tag graut, will er sterben. Turandot setzt alle Hebel in Bewegung, um an den Namen zu kommen. Ungefähr hier verlässt die Theatergruppe die Originalhandlung und kehrt nicht mehr zu ihr zurück. Puccini stellte die Partitur im Frühjahr 1924, ein halbes Jahr vor seinem Tod, bis zur Szene von Lius Tod fertig (Franco Alfano vollendete das Werk). Das war der neuralgische Punkt der Oper, hier spitzten sich die Widersprüche zu. Siegfried Staab erläutert: »Lius Tod ist nicht die Lösung, die zum glücklichen Ausgang der Handlung führt. Turandot wird durch diesen Tod ein weiteres Mal zur kaltherzigen Mörderin. Wie kann im nächsten Augenblick die Liebe des unbekannten Prinzen zur grausamen Prinzessin auflodern? Wir haben uns mit dem Ausgang der Handlung befasst und eine jedenfalls für uns befriedigende Lösung gefunden.« Mit »wir« meint Staab 22 Schauspieler in 38 Rollen. Die Hauptrollen sind Turandot (Richard Steckel), die Minister Ping (Matthias Koch), Pang (Simon Bauß), Pong (Sebastian Mikolaj), Timur (Christopher Harth), Liu (Domonik Seitner) und der unbekannte Prinz (Benjamin Berger). Fünf Techniker sorgen für Licht, Ton und Informationen. Für die aufwendigen Kostüme zeichnet Margarete Staab verantwortlich. Die respektlos-witzige und ideenreiche Bearbeitung von Stoffen großer Meister ist das Markenzeichen des Regisseurs und Lehrers Siegfried Staab. Damit, und mit der Perfektion, die er seinen jugendlichen Schauspielern entlockt, hat die Knaben-Realschule wiederholt landes- und bundesweites Aufsehen erregt. Die Erfolgsstory begann 1998 mit der »Unfassung« von Romeo und Julia.
Die letztjährige Produktion, »Supertell«, eine entstaubte Fassung des Schiller-Klassikers, findet heuer noch einen Nachhall: Die Theatergruppe vertritt mit diesem Stück den Freistaat Bayern beim Festival »Theater der Länder« vom 27. September bis 3. Oktober
in Lübeck. Mit ihrer diesjährigen Inszenierung sucht sie sicher an die vergangenen Erfolge anzuknüpfen.
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MAIN-ECHO: Höchstmaß an Ironie und Leistung
Theatergruppe der Knabenrealschule nimmt Puccinis "Turandot" die Widersprüche
Aschaffenburg. Turandot - da denken jene, die es zufällig gesehen haben, an das Fernsehspektakel "Wer wird Millionär?". In einer legendären Folge wurde nach Turandot gefragt. Der Kandidat, der bereits zwei Möglichkeiten ausgeschlossen hatte, verließ sich bei der Wahl zwischen "chinesischer Prinzessin" und "Hausmeister" aufs Publikum - und verlor. Die Studiogäste hatten zu 90 Prozent auf den Hausmeister getippt.
Vielleicht war das der Moment, in dem sich Siegfried Staab entschied, mit der Theatergruppe der Knabenrealschule Aschaffenburg den Stoff und die Person Turandot aufzugreifen. Denn auch wenn die Theatergruppe im Untertitel "eine ziemlich alberne Version von Puccinis letztem Meisterwerk" versprach, darf eines nicht übersehen werden: Der Lehrer und Regisseur Staab bringt die Schüler seit Jahren dazu, sich mit den Klassikern der Bühne auseinanderzusetzen, seien es Opern oder Schauspiele.
Wie viele Kinder und Jugendliche beschäftigen sich mit Turandot, Wilhelm Tell, Pygmalion, mit der Zauberflöte oder, ein echter Hammer, mit Wagners Ring? Was für die Kinder gilt, muss (siehe Millionärshow) auch für Erwachsene angenommen werden. Da trifft es sich gut, dass sich das Theaterpublikum der Knabenrealschule nicht mehr in die für Schulaufführungen üblichen Kategorien "Geschwister, Eltern, Großeltern" einteilen lässt. Die Fan-Gemeinde reicht weit darüber hinaus. Bundesweit.
Natürlich entsprechen die respektlosen Inszenierungen selten dem, was Bildungsbürger erwarten. Doch "albern" sind sie deswegen lange nicht. Der Untertitel entsprang eher der Selbstironie, die zu den Markenzeichen der Staab?schen Theatergruppe gehört.
Sich mit einem Werk auseinanderzusetzen, heißt nicht, es nachzuspielen. Diese Literatur-Vermittlung führt im schlimmsten Fall zur späteren Verdrängung, und selbst in besseren Fällen kann sie das Publikum langweilen und die Schauspieler daran hindern, Kreativität zu entwickeln oder so tief in das Stück einzutauchen, dass es ihnen eine inhaltliche Auseinandersetzung ermöglicht.
Genau das hat die Theatergruppe der Knabenrealschule geleistet mit ihrer Inszenierung, die sie neben mehreren schulinternen Vorstellungen an vier Abenden öffentlich im Jukuz aufgeführt hat. Bei der Auseinandersetzung mit dem Inhalt stießen die Schüler auf die Brüche und Widersprüche des Stoffs.
Wie kann der unbekannte Prinz sich auf den ersten Blick verlieben in die Chinesische Prinzessin Turandot, obwohl er deren abgründige Grausamkeit kennt? Wie kann er sein Leben in ihre Hand geben, obwohl er weiß, dass sie ihm danach trachtet? Wie kann sich seine Sklavin Liu für ihn opfern, obwohl er ihre Gefühle verachtet? Es gibt eine Antwort, und die findet sich gleich im Titel der Realschul-Aufführung: "Liebe macht blöd".
Diese Schluss-Folgerung wird zum Schluss in Bilder umgesetzt. Anders als im Original ersticht sich die Sklavin Liu nicht. Sie flieht, doch ihre Flucht endet an einer Mauer. Mit dem Stirnverband endlich lässt Liu ihre aufopfernde Liebe zum Prinzen fallen - um sie sogleich dem Mandarin zuzuwenden.
Auch was Turandot betrifft, gibt Staab dem Stück einen neuen Ausgang. Nicht der Selbstmord Lius wandelt den Hass der Prinzessin in Liebe - diesen Originalschluss kritisierte die Theatergruppe schon im Ankündigungstext als "unausgegoren". Den Ausschlag gibt vielmehr die Erkenntnis, dass der Prinz des Kochens fähig ist.
Albern? Sicher für diejenigen, die nur den Satz "Liebe geht durch den Magen" im Kopf haben. Doch anders als Puccini oder seine Librettisten Adami und Simoni erklärt die Theatergruppe damit, woher Turandots Abscheu vor Männern rührt: Sie mag sich nicht in die drohende Rolle der unterjochten Ehefrau fügen.
Von Anfang an, wenngleich noch eng am Original, arbeitet die Gruppe auf dieses Ende zu. Sie macht das "Rollenspiel" von Mann und Frau zum Roten Faden und die Oberhand der Frau zur Familientradition: Der Kaiser von China, in Tigerpuschen und gelbem Bademantel, ist der personifizierte Pantoffelheld, stets unter der Fuchtel von Frau und Tochter. Dass Männerrollen meist mit Ironie überschüttet werden - bis hin zu den früheren, nun geköpften Bewerbern um Turandots Hand, dass es stets auch Jungs sind, die in die Frauenrollen schlüpfen, setzt diesen Spiel das i-Tüpfelchen auf.
Bewährt sind die Mittel, mit denen Staab und seine Theatergruppe darüber hinaus Komik erzielen: Die Einblendungen von Bildern und Texten etwa, die das Spiel karikieren oder sogar ergänzen, wenn sie von den Akteuren aufgegriffen werden. Oder die Kalauer, die sogar ergreifenden Szenen noch eine witzige Wendung geben.
Im Lachen über die skurrilen Einfälle darf nicht untergehen, dass Staab von den Akteuren ein Höchstmaß an schauspielerischer Leistung und Körperbeherrschung verlangt, nicht einmal die Nebenrollen sind da ausgenommen. Fast alle Szenen sind so komponiert, dass sie an die Choreographie eines Musicals erinnern. Jede Szene löst sich ballettartig auf - zu modernen Rhythmen. Die Originalmusik dagegen wird nur eingesetzt, um Ironie zu erzeugen - bis hin zur perfekten Playback-Arie des Prinzen.
Ein Kurzfilm vom Casting, vor der Aufführung zu sehen, zeugt davon, was Staab verlangt und was die Schüler in vielen Proben auf sich nehmen müssen. Zur Belohnung winkt ihnen ein inzwischen fast automatischer Erfolg - und die Gewissheit, dass sie sich später nie vor einem Millionenpublikum entblößen müssen.
Peter Freudenberger
Ausschnitte aus einer Vorstellung im JUKUZ
Juni 2003