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Karmen

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Am Anfang steht das Casting!

Main-Echo

Karten nur auf gut Glück
Nachfrage nach »Karmen« rekordverdächtig

Aschaffenburg. Nach der »Zauberflöte« und nach »Turandot« nimmt sich die Theatergruppe der staatlichen Realschule für Knaben erneut einer Oper an: Diesmal unterzieht sie »Carmen« einer Frischzellenkur. Das Ergebnis nennt sich »Karmen - Seltsame Oper von Schorsch Bissee«.
Geplant sind vorerst vier öffentliche Aufführungen: Donnerstag und Freitag, 20. und 21. Juli. sowie Montag und Dienstag, 24. und 25. Juli, jeweils um 19.30 Uhr im Jugendkulturzentrum. Es ist allerdings nicht mehr möglich, Karten zu reservieren: allein durch die Nachfrage aus der Elternschaft und dem Freundeskreis der Realschule ist das Kontingent aufgebraucht, so der Leiter und Regisseur der Theatergruppe, Siegfried Staab. Interessenten müssen es auf gut Glück an der Theaterkasse probieren. Es ist auch möglich, die Generalprobe am Mittwoch, 19. Juli, um 16 Uhr zu besuchen. Außerdem will Staab im Herbst einige Zusatztermine organisieren.
19 Schüler sind als Schauspieler in 40 Rollen zu sehen. Fünf Techniker, ebenfalls Realschulknaben, sorgen für Beleuchtung und Ton in den 23 Szenen, sie zeichnen auch für die Einblendungen verantwortlich.
Die Realschul-Adaption halte sich weitgehend an das Libretto der Oper »Carmen«, berichtet Staab. In seinen Worten: »Das Werk erzählt vom Schicksal eines spanischen Sergeanten, der seine militärische Karriere mit gesichertem Pensionsanspruch für eine Dame aus der Zigarettenindustrie mit zweifelhaftem Ruf und häufigem Partnerwechsel opfert.« Musikalischer Höhepunkt sei ein »bekanntes und in launigen Versen vorgetragenes Couplet, das von der Lust erzählt, spanisches Rindvieh umzubringen«. Und: »Das Stück endet, wie es muss, aber nicht, wie man denkt.«
Ein Hinweis, dass Staab und seine Theaterschüler wie üblich auch in den Handlungsablauf eingreifen. So sei der Schluss zur Persiflage geworden. Vor allem jedoch hätten sie den Text neu gestaltet. Das Original berge »keine literarischen Höhenflüge«, die neue Textfassung sei auf die Jugendlichen abgestimmt und kräftiger im Ausdruck. pf

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Main-Echo

Liebe macht blöd
Knabenrealschule Aschaffenburg inszeniert »Karmen«

Aschaffenburg. Dass bei den Theaterstücken der staatlichen Realschule für Knaben kein Auge trocken bleibt, ist bekannt. Diesmal blieb bei den vier öffentlichen Aufführungen zudem kein Kleidungsstück trocken: Die Enge im jeweils vollen Saal des Jugendkulturzentrums und die heißen Abende erwiesen sich als schweißtreibend. Das war durchaus passend, denn Regisseur Siegfried Staab und seine Knaben-Theatergruppe führten das Publikum nach Südspanien: »Karmen - seltsame Oper von Schorsch Bissee« hieß ihre zwölfte Produktion.
Schon unter dem Aspekt schulischer Gewaltprävention war diese Carmen-Adaption äußerst gelungen. Weder ersticht der Torero Escamillo den Stier, der sich mit Durchfall (oder »Schiss«?) versteckt, noch der eifersüchtige Ex-Sergeant Don José die untreue Geliebte, wie es das Original-Libretto der Bizet-Oper verlangt. »Das Stück endet, wie es muss, und nicht wie es soll«, so Staab: Karmen entsagt der Liebe, um sich ihrer wahren Leidenschaft zu widmen, dem Singen und Tanzen der Habanera.
Es ist einiges seltsam an dieser Oper, etwa die Entwicklung des Sergeanten Don José: Warum opfert ein an sich intelligenter Mann der unübersehbar flatterhaften Karmen nacheinander seine Verlobte Micaela, seine Karriere, seine Ehre und seine Freiheit? Für die Theatergruppe gibt es nur eine Antwort, die sich wie ein roter Faden schon durch frühere Produktionen zog: Liebe macht blöd.
Der Stoff bietet Gelegenheit, dieses Motiv mehrfach zu variieren: Don José (Alexander Marx) mutiert zum Tölpel, betört durch Karmens Blume ist er zu nichts mehr zu gebrauchen. Der Stierkämpfer Escamillo (Steffen Rohmann) agiert in seiner Selbstverliebtheit auch nicht sehr helle. Ähnlich der karriereverwöhnte Hauptmann Zuniga (Uwe Wenzel). Micaela (Florian Zimmer) wird zum Inbegriff des Wortes »treudoof«. Einzig Karmen (Dustin Paulus), die ja niemanden liebt, bleibt bei klarem, wenn auch berechnendem Verstand.
Torheit und Verblendung, Verführung und Eifersucht, Feigheit und Stolz wissen die Realschüler überzeugend darzustellen. Zudem beweisen sie komödiantisches Talent und viel Selbstironie (wobei es in keinem früheren Stück der Knabentruppe so viele Frauenrollen gab). Und wie immer verlangte Staab von seinen Akteuren absolute Disziplin und Körperbeherrschung - nicht nur bei den ballettartigen Auf- und Abzügen.
Was die Beherrschung der Mimik und Gestik betrifft, legte die Gruppe sogar zu: In jede Szene sind Playback und Pantomime eingebaut. Mit ein Grund: Staab wollte seine Schüler (und das Publikum) nicht nur mit einem großen Stoff vertraut machen, wie er es in den elf früheren Produktionen getan hat. Diesmal wollte er auch die Musik vermitteln. Also lässt er die wichtigsten Arien als Playback vortragen; Grundlage ist eine alte Aufnahme mit Rudolf Schock, Hermann Prey, Christa Ludwig und Ivan Rebroff. Mehrfach singen die Akteure sogar selbst.
Zusätzlich zum eigentlichen Bühnengeschehen bietet die Inszenierung eine »zweite Spielebene«: Die Ouvertüre wird als Orchesterprobe dargeboten, zwischen den Akten blicken die Zuschauer hinter die Bühne, wo der Intendant den Startenor mit Tee zum Weitersingen motiviert oder die füllige Primaballerina eine Tanzstunde gibt. Szenen, die zeigen, wie vielschichtig Staabs Theater angelegt ist: Der Startenor ist ein Schüler, der Rudolf Schock mimt, der Don José gibt; die Tanzschülerinnen sind vier Jungs, die Tänzerinnen spielen, die Zigeunerinnen darstellen sollen.
So eng Staab das Stück am Original führt - er und seine Theatergruppe lassen keinen skurrilen, grotesken oder auch nur albernen Einfall aus, um Komik zu erzeugen. Da werden Schlager von Cindy und Bert bis zur Gegenwart eingespielt, um das deutsche Spanien-Klischee durch den Kakao zu ziehen. Da gibt es Anleihen bei Badesalz und den Monty Pythons, da reihen sich Wortspiele und Kalauer aneinander.
Zusätzliche Heiterkeit erzielen die Bild- und Texteinblendungen auf Leinwänden am Bühnenrand. Genial einfach gehalten ist das Bühnenbild, aufwändig gestaltet sind dagegen die Kostüme (Margarete Staab). All das hat sich schon bei den früheren Produktionen bewährt, die der Theatergruppe bereits deutschlandweit Beachtung bescherten.
Die vier Aufführungen reichten nicht aus, um die Nachfrage der Aschaffenburger zu decken. Im Herbst plant Staab eine Reihe von Zusatzterminen.
Peter Freudenberger


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