Archiv
Zum Jubiläum gibt's "Fausteins - gei nach Froethe"
Theatergruppe der Knabenrealschule bringt zehntes Stück auf Jukuz-Bühne
Aschaffenburg. Es ist das zehnte Stück, das die Theatergruppe der Knabenrealschule auf die Bühne bringt. Ein Jubiläum also. Anlass für den Regisseur Siegfried Staab, seine jugendlichen Akteure und das Publikum vor eine besondere Herausforderung zu stellen. Er hat sich Goethes "Faust" vorgenommen.
Herausgekommen ist "Fausteins". Genauer: "Fausteins oder V-Steins? Egal. Hauptsache gei nach Froethe". Schon der ungewöhnliche Titel lässt erkennen, dass die Realschüler und ihr Regisseur auch vor dem deutschen Dichterfürsten nicht in die Knie gehen. Bundesweit sorgen sie seit Jahren für Aufsehen mit ihren eigenwilligen, skurrilen und hintergründigen Inszenierungen, schon eine Reihe von Bühnenklassikern haben sie in handliche und bekömmliche Bestandteile zerlegt: Turandot, Wilhelm Tell, Pygmalion, die Zauberflöte oder Wagners Ring.
Nun gilt die Faust-Dichtung auch noch als Goethes Lebenswerk. 60 Jahre lang hat er immer wieder daran gearbeitet - eine Epoche historischer Umbrüche, die in die vielschichtige Thematik des Dramas eingegangen sind. Um die Komplexität der Thematik zu entfalten, bemüht Goethe eine Fülle von Bildern, Gestalten, Mythen und Allegorien aus Antike, Bibel, europäischer Sage, christlichem Brauchtum oder Volksaberglauben.
Bis kurz vor seinem Tode hat Goethe Änderungen nachgetragen. Lässt sich da für die Aufführung der Knabenrealschule etwas "verbessern"? Staab nennt vor der Premiere am 22. Juli keine Details, sagt jedoch: "Wir haben Goethes Faust einige unsinnige Dinge hinzugefügt, dafür aber Überflüssiges weggenommen." Immerhin: "Der originale Handlungsstrang bleibt sehr klar erkennbar."
In der Szene Walpurgisnacht gehe "Fausteins" jedoch seinen eigenen Weg. Es entwickele sich ein völlig anderes Finale als in Goethes "Version".
Entstanden ist die Realschulversion in vielen Szenenproben, die seit Weihnachten zweimal wöchentlich stattfanden. Die aus 28 Szenen bestehende Urform wurde auf 20 Szenen gerafft, sagt Staab, und weiter: "Bis auf ein paar sehr bekannte Passagen wurde der stark gekürzte Text entreimt und in eine comicähnliche Sprache übersetzt. Jedenfalls zeigen wir eine Version, die möglicherweise auf Anhieb verstanden werden kann."
Wenn den Zuschauern trotzdem einzelne Passagen verschlossen bleiben sollten, können sie wenigstens der Musik lauschen, denn die Einspielungen gehören zwingend zum Staab'schen Repertoire. Sie können sich aber auch an den Kostümen erfreuen, die den Akteuren wie immer von seiner Frau Margarethe auf den Leib geschneidert wurden. Davon bekamen erst vor wenigen Tagen zufällige Passanten in Aschaffenburg einen Vorgeschmack, denn die Theatergruppe zog - voll kostümiert - für Video-Aufnahmen durch die Innenstadt. Der Streifen wird in die Theateraufführung integriert.
Die Akteure, das sind 20 Knaben im Alter von 13 bis 18 Jahren. Etwa 70 Rollen spielen sie in "Fausteins". Fünf weitere Knabenrealschüler sind für Beleuchtung, Ton, Film-, Bild- und Texteinblendungen verantwortlich. Auch den organisatorischen Ablauf hinter der Bühne nehmen die Spieler selbst in die Hand.
Für einige Mitglieder der Theatergruppe ist "Fausteins" das dritte Stück im laufenden Schuljahr. Im Oktober traten sie mit der vorletzten Produktion "Supertell" vor 800 begeisterten Zuschauern in Lübeck auf - als offizieller und einziger Vertreter Bayerns beim "Theater der Länder". Im Mai wiederholten sie die letztjährige Inszenierung von "Turandot" bei den Theatertagen der Realschulen in Ismaning.
"Fausteins" wird vorerst viermal öffentlich aufgeführt: Donnerstag und Freitag, 22. und 23. Juli, sowie Montag und Dienstag, 26. und 27. Juli, jeweils um 19.30 Uhr im Jukuz. Der Eintritt ist frei; wegen des üblichen Andrangs müssen aber Karten bestellt werden und zwar unter 06021/87539 oder per e-Mail unter m.s.staab@t-online.de. pf





"Da steh? ich nun, ich Amateur..."
Theatergruppe der Knabenrealschule begeisterte mit "FAUSTEINS"
Aschaffenburg. ?und bin so klug als wie zuvör." Um es vorwegzunehmen: Wir sind klüger. Und sie hat nicht in einer Tragödie geendet, die Inszenierung von Goethes "Faust", von der Theatergruppe der Knabenrealschule Aschaffenburg seit Donnerstag viermal im Jukuz auf die Bretter gebracht. Der deutsche Dichterfürst hätte sich vermutlich vor Vergnügen auf die Schenkel geklopft, wie mit "FAUSTEINS" sein größtes Werk fast 200 Jahre nach der Fertigstellung interpretiert wurde.
60 lange Jahre hat Goethe an seinem Lebenswerk gearbeitet. Gerade mal 80 kurzweilige Minuten benötigten die 20 Amateurschauspieler der Knabenrealschule, um die Tragödie um Dr. Faust, Mephisto und Gretchen gehörig aufzumischen und ihr eine höchst eigenwillige Note zu verpassen. Mit dem Jubiläumsstück - es ist das zehnte, das die inzwischen bundesweit erfolgreiche Theatergruppe um Regisseur Siegfried Staab auf die Bühne bringt - ist den Schülern im Alter von 13 bis 18 Jahren wieder ein echter Coup geglückt.
Auch wer nicht "Faust-fest" war, hatte einen Heidenspaß an der skurrilen Neuzeitversion des Klassikers. Die Rahmenhandlung wurde beibehalten, allerdings musste bereits der der Tragödie vorangeschickte "Prolog im Himmel" ordentlich Federn lassen. Denn hier ging?s mit dem Nonsens schon los. Ein entnervter Erzengel Raphael mühte sich erfolglos, den Neulingen das Frohlocken beizubringen. Hosianna und Halleluja missglückten und der Herr im Himmel fand das nicht komisch. Mit stoischer Mine erteilte er dem Mephistoteles einen Freibrief, seinen Knecht, Dr. Faust, zu verführen, ihn vom rechten Wege abzubringen. Top - die Wette gilt!
Was sich im Folgenden auf - und in Form von Videoeinblendungen - neben der Bühne abspielte, war ein brillant komponiertes und mit Perfektion gezündetes Feuerwerk an choreografischen und schauspielerischen Einfällen: Die Beschwörung der Erdgeister, der missglückte Freitod Fausts, der in die 1960-er Jahre übertragene Osterspaziergang der vergnügten Bürger, das Auftauchen Mephistos in Form des Pudels, der sich in Fausts Studierzimmer eindrucksvoll zu erkennen gab.
Die Skurrilitäten nahmen ihren unvermeidlichen Lauf in "Auerbachs Keller", wo eine Gruppe weinseliger Saufkumpane mit einer glänzenden schauspielerischen Leistung amüsierte. Der von den dummen Affen gerührte Verjüngungstrunk, den Dr. Faust und Mephisto zu sich nahmen, wirkte augenblicklich: Aus dem leicht verwirrten und nicht mehr taufrischen Wissenschaftler wurde ein strahlend schöner Brad-Pitt-Verschnitt, während der schöne, listige und eloquente Teufel zu einem kleinen, hässlichen, bedauernswerten Jungchen mit Überbiss und Sprachfehler mutierte.
Was die Frauen betraf, so spielte die schöne Helena zwar eine untergeordnete, aber eindrucksvolle Rolle, während das Gretchen, eine köstlich derbe Version der verhängnisvollen Faust-Liebe, durch enorme Präsenz überzeugte.
Überzeugend ebenfalls die Auswahl der Musikeinblendungen: Mit "Who let the dogs out?" zog die Faustsche Karawane mit der "Caravan of love" "500 Miles" mit den Proclaimers über - "How many roads" bis hin zum "Schönen fremden Mann."
Ob Rap, Schlager oder Discobeat: Die Musik wollte nicht nur gespielt, sondern auch getanzt werden. Und das gelang den jugendlichen Darstellern mit Bravour. Überhaupt war, neben herausragender schauspielerischer Leistung aller Beteiligten, die tänzerische Umsetzung des Stoffes verblüffend professionell. Die jungen Mimen gaben ihre Rollen - einige hatten bis zu fünf verschiedene Parts zu übernehmen - mit einer Perfektion, von der sich mancher Profi eine Scheibe abschneiden könnte. Ebenso wie von der Spielfreude, die jedem der 20 Jungs ins Gesicht geschrieben stand.
Der freudige Funke sprang von Beginn an auf das Publikum im voll besetzten Jukuz über. Die Begeisterung hielt bis zur letzten Sekunde des Stücks an, wenn sie sich nicht gar noch gesteigert hatte. So nahm am Abend der gefeierte Regisseur "Siggi Superstar" eine mit Wunderkerzen bestückte Jubiläumstorte von seinen Schülern in Empfang. Und wir freuen uns noch immer über den Anblick der herrlichen Kostüme, schmunzeln bei dem Gedanken an Horst, das Irrlicht, das mit Gretchen auf dem Weg zum Brocken verloren geht. Und fragen uns, ob Dr. Faust mit der Fachklinik für sexuelle Probleme erfolgreich sein wird, und ob Mephisto als Chefarzt in einer Frauenklinik gut aufgehoben ist.
Ellen Deller / Foto: Harald Schreiber
Aufgrund der Nachfrage ist bereits ein weiterer Spieltermin am 11. Oktober angesetzt.